Religion: Opium für das Volk

Re | li | gi | on   (von lateinisch: religio = Gottesfurcht)
gläubig verehrende Anerkennung einer alles Sein
bestimmenden göttlichen Macht; Weltanschauung
(Duden)

26Wir wollen uns hier etwas genauer mit Religion und mit den damit verbundenen Ursachen und Mechanismen auseinandersetzen. Religion ist eine Weltanschauung, eine Art und Weise die Welt wahrzunehmen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente (d. h. überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte und damit verbundene heilige Objekte ist. Somit ist die religiöse Welt etwas, das außerhalb von mir selbst liegt und das ich nur teilweise oder gar nicht beeinflussen kann. Vielmehr bin ich diesen „transzendenten Kräften“ schutzlos ausgeliefert und muss mich in mein göttlich angeordnetes Schicksal fügen. Für mich fallen auch diverse andere Ideen wie Spiritualität, Esoterik oder ein unbestimmter Glaube an etwas Übernatürliches (Geister, Engel, Wiedergeburt und dergleichen) unter den Begriff der Religion, da sie von den Auswirkungen auf die jeweiligen Individuen her oft ähnliche Ergebnisse liefern. Je nach Religion und Glauben müssen die Menschen dem Gefühl, der Gottheit schutzlos ausgeliefert zu sein, etwas entgegensetzen. Das kann auf viele verschieden Arten geschehen, beispielsweise durch die Befolgung von Verboten, Geboten, Regeln oder durch das regelmäßige Anbeten einer bestimmten Gottheit. Grundsätzlich wird durch das Verhalten der Gläubigen in der Regel um die Gnade eines bestimmten Gottes, Geisterwesens, usw. gebettelt bzw. sich der Gottheit angebiedert. Da die Natur von Religion eben jene ist, dass Etwas oder Jemand über dir steht, das du zu einem großen Teil gar nicht begreifen kannst, verhält sich Religion zwangsläufig feindlich gegenüber jeder Art von individueller Freiheit eines Menschen, da sie unfreie Verhaltensweisen hervorruft. Es sind nicht die Gefühle, Gedanken, Gebote und Regeln des Individuums, die hier Beachtung finden, sondern „höhere“. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob du an eine der großen Weltreligionen oder an die Gottheit einer kleinen Sekte oder was auch immer glaubst; das grundlegende Prinzip ist die Religiösität, also der Glaube an transzendente Kräfte außerhalb deiner selbst, die du nur durch dein „richtiges“ Verhalten milde stimmen kannst.

Vertröstung aufs Jenseits
Was die meisten Religionen und Glaubensrichtungen eint, ist der Glaube an eine andere Welt, die wir hier nicht wahrnehmen können. Das kann von verschiedenen Astral-Ebenen und ähnlichem bis hin zu Himmel und Hölle oder eben zur Wiedergeburt in einem anderen Leben reichen. Meist geht es dabei darum, im „irdischen“ Leben nach den Regeln und Gesetzen der Religion zu leben und demütigt zu sein, um im „Leben danach“ dafür entlohnt zu werden. Dieser Lohn kann dabei je nach Glauben sehr unterschiedlich aussehen: eine bestimmte Anzahl an Jungfrauen im Paradies für die Einen, ein Platz an der Seite von Jesus für die Anderen und eine Wiedergeburt im nächsten Leben als etwas „Höheres“ als im jetzigen Leben. Aber all diese Sachen beziehen sich auf das, was nach dem Tod geschieht, nichts davon schert sich auch nur einen feuchten Dreck darum, wie es den Leuten in der Gegenwart geht. Perfekt also, wenn man unterwürfige Diener und Untertanen haben will, die einer fixen Idee (z.B. 10 Gebote) hinterherlaufen und sich selber keine Gedanken machen oder nach ihren eigenen Regeln leben. In diesem Sinne ist auch der Titel dieses Textes zu sehen, da die Religion wie eine betäubende Droge (Opium) auf Probleme und soziale Spannungen wirken  und die Individuen vom Verwirklichen ihrer eigenen Projekte abhalten kann. Die Menschen werden nur all zu oft durch eine bestimmte Religion vom Rebellieren gegen ihre miserablen Lebensumstände abgehalten, immer mit Verweis auf ein besseres Leben nach dem Tod und dergleichen. Dass Religion in der Geschichte immer wieder genau diese Funktion erfüllte, sollte den meisten klar sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Kreuzzüge waren nicht ausschließlich von religiösem Wahn gezeichnet, in dem die Christen gegen „die Ungläubigen“ in den Krieg ziehen mussten. Natürlich wurde den Teilnehmern der Kreuzzüge ihre Mission in Hinblick auf ihr Seelenheil von den Herrschenden schmackhaft gemacht, damit diese für die Interessen der Herrschenden in den Krieg zogen. Doch in Wirklichkeit ging es ebenso um die Vorherrschaft der mitteleuropäischen Kirche über das Territorium, der Aneignung von Wissen und Technologien aus dem orientalischen Raum und selbstverständlich um die Anhäufung von materiellen Gütern, die dann ins Heimatland transportiert wurden. Auch wurden viele kritische Stimmen und Rebellen, die zu Hause gegen die untragbaren Umstände kämpften, dazu gezwungen, an den Kreuzzügen teilzunehmen, in der Hoffnung, dass sie diese nicht überleben würden.
Die Geschichte der Religion ist in diesem Zusammenhang also immer auch die Geschichte der Herrschenden, nicht die der Unterdrückten. Ein Machtinstrument in den Händen derer, die uns beherrschen, unterdrücken und ausbeuten. Wer im Hier und Jetzt die Schnauze hält und gehorcht, dem wird es „da oben“ dann besser gehen – so die Versprechungen. Ich hingegen sage, wer im Hier und Jetzt die Schnauze hält und gehorcht, der hält einfach die Schnauze und gehorcht. Nicht mehr und nicht weniger.

Angst und Schrecken
Wie bereits erwähnt, gründen sich Religionen auf Hierarchie, Gottesfurcht, Sklaverei und Zwang. Also kurz: Auf der Verbreitung von Angst und Schrecken, um gehorsame Untertanen zu produzieren. In der Religion ist sehr viel von dem, was wir als AnarchistInnen ablehnen, verweigern und täglich angreifen, verkörpert. Der Begriff „Anarchie“ ist abgeleitet vom altgriechischen ἀναρχία und bedeutet Herrschaftslosigkeit. AnarchistInnen kämpfen also für eine Welt, in der niemand herrscht und niemand beherrscht wird. All das, was die Religionen und ihre jeweiligen Organisationen (von der katholischen Kirche bis hin zum Islamischen Staat oder irgendwelchen Sekten) also auszeichnet, beißt sich vollkommen mit den Ideen der Herrschaftslosigkeit und der Freiheit. “Ich kann nicht frei denken im Schatten einer Kapelle” stand mal irgendwo an einer Wand.
Die aktuelle “Freiheit” in weiten Teilen der Welt ist lediglich die der Religionsfreiheit. Es wird dir zugestanden, dass du frei deine Religionszugehörigkeit und deinen Glauben wählen darfst – zumindest solange sie nicht mit den jeweiligen Gesetzen des Staates in Konflikt kommen. Denn der Staat steht in der Hackordnung der Autorität (hierzulande) noch einige Stufen über der Religion , auch wenn sich Staatlichkeit und Religion oftmals sehr gut ergänzen, wenn es um die Unterdrückung ihrer “Untertanen” geht. Die Religionsfreiheit erlaubt es uns also, dass wir frei unser Herrchen wählen dürfen. Wir dürfen uns also frei aussuchen, wer die Peitsche schwingt, wer die Leine und den Beißkorb trägt und wer uns ein paar Wurstzipfel hinwirft. Heutzutage geht die Religionsfreiheit sogar so weit, dass z.B. die katholische Kirche Kritik an ihren Lehren zulässt, teilweise sogar Kritik an der Bibel. Der Inhalt dieses Buches darf also kritisiert werden, die Rechtfertigung desselben jedoch nicht. Der Kirche laufen die Gläubigen davon, daher muss sie sich etwas überlegen, um dem entgegenzuwirken. Und was wäre dazu besser geeignet, als kleine Zugeständnisse und die Reformierung der Kirche – also die Reformierung der Macht und somit deren Festigung.
Nun stellen Religionen selbstverständlich ihre eigenen Gesetze und Verhaltensnormen auf. In diesen Normvorstellungen gibt es strikte Regeln, die von den Gläubigen eingehalten werden müssen. Da es sich um Gesetze und Regeln handelt, die nicht von den Einzelnen aufgestellt, sondern von außen aufgesetzt wurden, ist es klar, dass es immer Leute gibt, die davon abweichen oder dagegen aufbegehren. Es ist ebenso die Aufgabe der Gemeinschaft der Gläubigen (z.B. Christen) wie auch der Organisation der Gläubigen (z.B. katholische Kirche, der Vatikan) gegen solche Leute vorzugehen. Oft ist das ausschlaggebendste Kontrollinstrument das direkte soziale Umfeld, also die Dorfgemeinschaft, die Familie, Freunde usw. Und genau hier werden die Normvorstellungen der Kirche reproduziert und mit Strafen, Ausschlüssen, übler Nachrede usw. ausgeführt. Es werden vermeintlich allgemeingültige Normen und Verhaltensmuster aufgestellt, die alle befolgen sollen, ganz gleich ob ich selbst dies als sinnvoll empfinde oder nicht. Wenn ich nach meinem eigenen Gutdünken handle, werde ich gestraft. Religion schränkt also meine Freiheit in dem Maße ein, indem ich mich nicht regelkonform verhalte. Da ich selber denken kann und will und daher meine eigenen Regeln für mein Leben aufstelle, sind mir die Moralvorstellungen der Religion feindlich gesinnt. Die Religion ist also mein Feind und ich werde micht ihr gegenüber auch so verhalten.

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Schriftzug an der Wand der Mariahilferkirche in Wien

Als AnarchistInnen interessiert es uns einen Scheißdreck, wer welchem Glauben nachrennt. Wir wollen die komplette Zerstörung jeglicher Herrschaftssysteme, die uns unsere Leben rauben und uns in Verhaltensnormen und -muster pressen wollen. Daher ist die Wiederaneignung unserer Leben untrennlich mit der Zerstörung des Staates, der Religion, dem Prinzip des Gehorsams und der Unterwerfung verbunden. Wir können, wollen und werden uns nicht an Wertvorstellungen der verschiedenen Religionen ketten. Wir haben einen eigenen Kopf und stellen eigene Regeln auf, wie wir unsere Umwelt gestalten und mit den Menschen um uns rum in Beziehung treten. Dazu brauchen wir weder Gott noch Staat. Und ich denke, du brauchst das alles ebenso wenig…